Hilfe – Fragen statt Tipps geben

Wie gehe ich mit Menschen um, die im Leben keinen Sinn sehen?

„Trink Rettichsaft!“ – Wie Hilfe NICHT aussieht

„Reiß dich zusammen und iss Schokolade.“ Dies würde einer von fünf Deutschen jemandem empfehlen, der an Depressionen leidet. (1)

Wir haben es selbst erzählt bekommen, allerdings nicht mit Schokolade als totsicherer Hilfe. Die Mutter eines auf eine andere Art psychisch Erkrankten fordert von ihrem Sohn, er solle sich nicht so anstellen und Rettichsaft trinken. Ja, Rettichsaft. Rettichsaft für alle! Niemand braucht jahrelang zu studieren, um Menschen mit angeschlagener Psyche zu helfen. Nein, das kann Rettichsaft viel besser.

Wir sind immer wieder sprachlos, wie manche Mütter und/oder Väter auf ihre Kinder reagieren, ob jung oder erwachsen, wenn diese eigentlich nach Hilfe rufen oder Verständnis bräuchten:

-Eine Sechsjährige steht vor ihrer Mutter mit dem Messer am Arm. Die Mutter scheuert dem Mädchen eine und wird es wie gewohnt auch weiter schlagen. Mit 20 schluckt das einstige Mädchen Tabletten, wird aber rechtzeitig gefunden. Die Mutter ist inzwischen an Krebs gestorben und machte für ihre Krankheit ihre Tochter verantwortlich. Nicht hilfreich.

-Eine Zwölfjährige wird von ihrem Bruder immer wieder geschlagen, die Eltern wissen davon – und tun nichts. Als sie jenseits der 20 durchblicken lässt, dass sie des Lebens müde ist, reagieren die Eltern mit: „Dann soll sie springen.“ Nicht hilfreich.

-Ein 16-Jähriger kann bis zum Ende der Schulzeit in der Masse der anderen halbwegs verbergen, dass er sich nicht aus dem Hemd traut. In der Familie bekamen die kleineren Geschwister die Aufmerksamkeit. Sein Selbstbewusstsein wurde kaum gestärkt. Mit Beginn der Ausbildung steht der Junge völlig fremden Erwachsenen allein gegenüber. Den Druck hält er nicht lange aus, er bricht ab. Zu Hause gilt er nun als arbeitsscheu. Dass er kein Selbstbewusstsein entwickeln konnte, weil er „nebenbei“ groß wurde, sich keiner wirklich um ihn kümmerte, sehen die Eltern nicht. Ohne Selbstbewusstsein kann jede kritische Anmerkung persönlich verletzend sein. In einer Ausbildung gibt es aber zwangsläufig immer wieder solche Äußerungen. Würde man schon alles können, bräuchte man keine Lehre.

Du nimmst nur anderen den Platz weg

Immer wieder sprechen wir mit Menschen, ob jung oder alt, die keinen Sinn im Leben sehen. Keiner hat bisher seine Überlegungen in die Tat umgesetzt. Es mag hart klingeln, aber wir finden äußerst selten gute Gegenargumente gegen Suizidgedanken. Diese Menschen jeglichen Alters sind meist von einem derart verständnislosen, gefühlskalten Umfeld umgeben, dass es einem die Sprache verschlägt.

Und wie baut man eine Frau um die 40 auf, deren psychische Erkrankung den kompletten Alltag bestimmt und der mehrere Ärzte unabhängig voneinander keine Besserung für den Rest ihres Lebens in Aussicht stellten? Sie liegt körperlich und moralisch völlig am Boden, schafft es nicht bis in die Dusche – und soll sechs bis zehn Wochen auf einen Kliniktermin warten. Das Prinzip dahinter erklärt sie so:

„Die meisten psychosomatischen Kliniken wollen stabile Patienten. Ein Patient muss eine Wartezeit überstehen können. Übersteht er sie nicht und bringt sich zuvor um, dann wäre er sowieso nicht therapierbar gewesen. Genau so wurde mir das bereits von mehreren Kliniken am Telefon gesagt. Ich frag mich immer, in welchem Zustand ich sein müsste, dass ich sofort und auf der Stelle in die Psychiatrie kommen würde. Vermutlich mit aufgeschnittenen Pulsadern zu Hause liegen oder apathisch den Kopf gegen die Wand hauen. Oder mit dem Messer auf meine Tochter losgehen. Und bei allen dreien käme ich in die Geschlossene.“
Hart. Aber Realität.

So furchtbar dieses Auswahlverfahren der Kliniken klingt: Über mangelnde „Kundschaft“ können Sie sich nicht beklagen. Die Zahl der Diagnosen bei psychischen Erkrankungen steigt. Also wird lieber jenen geholfen, die noch Kampfgeist zum Überleben zeigen. Aber die anderen dann einfach ihrem Schicksal überlassen?

Lass den Clown in der Tasche – Wie Hilfe aussehen könnte

Nein, wir haben kein Rezept, um Menschen am Leben zu erhalten. Die Testreihe mit dem Rettichsaft läuft noch *augenroll. Das einzige, was wir machen: Zuhören. Einfach nur zuhören. Und fragen, um es zu verstehen. Nicht aus allen Wolken fallen: „Oh mein Gott, wie kannst du nur so denken?!“ Nicht verurteilen. Keinen Clown vorbeischicken. Nicht krampfhaft gute Stimmung verbreiten wollen. Nicht „Denk einfach positiv“ sagen. Nicht Arzt spielen. Die Leidenden wissen meist selbst bestens über ihre Erkrankungen Bescheid. Nur da sein. In Verbindung bleiben. Und hoffen, dass sich der andere wieder melden wird.

Das offene Ohr – Ob abstehend oder anliegend ist egal

Wir können nur jeden bitten, der sich dazu in der Lage fühlt: Hört zu, auch wenn das zu Hörende im ersten Moment verdammt hart klingen mag. Keiner muss sich mehr zumuten, als er verkraften kann. Aber jeder kann selbst in eine solche Situation kommen und auf offene Ohren angewiesen sein. Psychische Erkrankungen müssen nicht zwangsläufig aus Schicksalsschlägen entstehen. Alleine eine Schilddrüsenunterfunktion kann zu einer Depression führen. Auslöser einer solchen Unterfunktion kann eine Autoimmunerkrankung (Hashimoto-Thyreoiditis) sein, die wiederum aus Stress resultieren kann. Und wer hat keinen Stress? Genauso kann ein verbliebener frühkindlicher Reflex zu Depressionen führen. Von Dir werden keine Lösungen erwartet, einfach nur Verständnis. So, wie Du selbst verstanden werden möchtest, ohne dass man Dir sagt, was Du unbedingt machen musst.

Sicht einer Betroffenen

Die oben zitierte Frau ist 45 und seit ihrem 25. Lebensjahr nach einem unverschuldeten Unfall traumatisiert. Ihr Leben ist seitdem ein einziger, sich verschlimmernder Kampf – mit sich und um Verständnis. Freunde zogen sich zurück. Sie lebt, weil sie eine Tochter hat. Diese ist heute 20 und saß gerade einmal 4 Wochen alt auf dem Rücksitz, als eine abgelenkte Fahrerin ins Heck krachte. So beschreibt die Traumatisierte, wie sie sich Hilfe vorstellt und wie nicht:

„Letztens habe ich mich lange mit einer Bekannten unterhalten. Sie weiß, dass es mir scheiße geht. Hab ihr gesagt, wie schwer es für mich ist, mit dem Verhalten der Gesellschaft klarzukommen und dass die ganzen Psychotherapien das nicht besser machen, dass ich sie als kontraproduktiv empfinde. Am Ende des Gespräches nahm sie mich in den Arm, drückte mich und sagte mir: „Es tut mir so leid, ich kann dir auch nicht helfen.“ Klar, sie meint es gut, aber das Gegenteil von gut ist nun mal gut gemeint. Mich hat das so befremdet und ich hab wieder gemerkt, wie die Leute ticken. Ich komm da einfach nicht mit. Wie kann man sagen, dass man nicht helfen kann, wenn man nicht mal fragt ob man helfen kann? Versteh ich nicht. Sie hätte doch einfach auch fragen können, ob mir in solchen schweren Zeiten irgendetwas oder irgendwer helfen kann und wenn ja, wie.

Für mich ist es halt befremdlich, wenn Menschen auf mich zukommen und mir sagen: „Mensch, mach doch mal eine Psychotherapie, das hilft dir bestimmt.“ Wie kann man nur? Ich würde niemals zu jemandem sagen, dass er dieses oder jenes machen soll und damit voraussetzen, dass er es noch nicht gemacht hat. Ich würde immer erst fragen, ob er es bereits unternommen hat. Die kommen sich alles so gescheit vor und haben Null Ahnung. Warum fragen die nicht einfach: „Hey, hast du eigentlich schon Psychotherapien durchlaufen?“

Und wenn ich es anspreche, wie es mich stört, dann heißt es: „Ich will dich doch nicht verletzen.“ Ich kann zigmal sagen, dass mich ein offener, direkter Umgang nicht kränkt. Mich verletzen andere Dinge. Nämlich das, wie die sich verhalten. Das verletzt mich wirklich. Ich würde mich freuen wie Bolle, wenn mal jemand zu mir kommen und mich fragen würde, was ich eigentlich genau habe, wie sich das äußert, ob Medikamente helfen und und und. Aber die fragen ja alle nichts.“
Helfen will gelernt sein.

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Quelle: (1) http://www.telefonseelsorge.de/sites/default/files/studienergebnisse_depression_so-denkt-deutschland.pdf